Es fallen einem wohl so manche Orte im schönen Baden-Württemberg ein, die man als Sehnsuchtsorte bezeichnen darf. Dass darunter just eine Tagungsstätte fällt, mag sicherlich den einen oder die andere überraschen. Und so waren Mitte April zahlreiche Stotternde beim Begegnungswochenende in Freiburg – die Stadt allein ist bereits für manche ein Sehnsuchtsort – sichtlich angetan von der Terrasse des Caritas-Hauses: Hoch oben über der Stadt (was zu Fuß bei warmen Temperaturen durchaus seinen schwitzigen Preis hat) bietet sich dem Landesverband ein kolossaler Panoramablick.

Nun ist der Blick das eine – das Programm aber das andere. Die Freiburger Selbsthilfegruppe und Landesvorsitzender Tobias zeichnete für die Organisation des Wochenendes verantwortlich und erfreute sich dabei kräftiger Unterstützung der schweizerischen Selbsthilfe Stottern. Eine bislang wohl einmalige Kooperation, die das Wochenende geprägt hat – nicht nur mit einem Theaterstück am Freitagabend, sondern mit länderübergreifendem Austausch, der das ganze Wochenende zu einem besonderen gemacht hat.

An dem standen am Samstag zunächst Arbeitskreise an. Unter anderem besuchte – Stichwort: Grenzen überschreiten – eine Logopädie-Schule einen Workshop. Und so liefen Stotternde und Nicht-Stotternde plötzlich durch den nahegelegenen Park. Die Herausforderung: Die Gespräche mit Passanten, Familien oder Jugendlichen führten nicht die Stotternden selbst, sondern die angehenden Logopädinnen und Logopäden. Aber nicht der Vermeidung wegen, um das klarzustellen! Wir haben Erfahrungen weitergeben wollen: Wie fühlt es sich an zu stottern? Wie funktioniert Stottern? Kann man Stottern simulieren? Unter Anleitung „geübter“ Stotternder gehen so manche Schülerinnen und Schüler mutig an Grenzen und „lernen“, was Blockaden, Wiederholungen oder stumme Pausen wirklich bedeuten.

Den Nachmittag prägen Freizeitangebote. Während die einen eine Brauerei besichtigen und sich den Brauvorgang anschauen, schlendern andere durch die Innenstadt. Bernd nutzt die Gelegenheit, das Haus anzuschauen, in dem er vor 62 Jahren – mit knapp 13 – seine erste Therapie begann. „Sie hat mir geholfen, zu einem Menschen zu werden, der mit lebenslangem Stottern ein überaus erfülltes Leben führt“, erzählt er. „Ob ich ohne diese Unterstützung praktizierender Hobbymusiker geworden wäre? Das bezweifle ich!“ Eine Therapie, ist Bernd jedenfalls überzeugt, kann jedem Heranwachsenden wichtigen Support außerhalb der Familie geben. „Das habe ich in reichem Maße vor vielen Jahren durch Frau Friedrich erfahren. Diese Erinnerung im Rahmen des Wochenendes wieder zu vertiefen, war für mich besonders.“

Zurück am Sehnsuchtsort Tagungshaus wird am bunten Abend gequizzt und musiziert, während im Kaminzimmer eine Gruppe sich beim Kartenspielen wenig schenkt. Freude und Frustration liegen hier nah beieinander.

Am Sonntag wählt die Mitgliederversammlung Jörg Spinner als Nachrücker in den Vorstand. Dem Landesverband stehen aufregende Zeiten bevor: Nach dem Begegnungswochenende kommendes Jahr findet 2028 der Bundeskongress in Stuttgart statt. Vielleicht entwickelt sich ja auch daraus einen kleiner Sehnsuchtsort.

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