Hänger spielen in seinem Stück keine Rolle mehr

Von Christian Gleichauf

Hänger spielen in seinem Stück keine Rolle mehr

Möckmühl - Uwe Buddenberg überlegt nur eine Sekunde. Nein. An die Vorbereitung auf seinen ersten Auftritt kann er sich nicht mehr erinnern. Nur dass er "abartig nervös" war, weiß er noch. Wer wäre das nicht gewesen, in seiner Situation: Fast keinen Satz bekam der damals 16-Jährige heraus, ohne hängenzubleiben. Trotzdem wollte er auf die Bühne. "Weil ich gemerkt habe, dass ich nicht stottere, wenn ich etwas auswendig gelernt habe", sagt Buddenberg. Diese Erfahrung beim Weihnachtsstück im Gemeindehaus vor 21 Jahren war der Beginn einer neuen Leidenschaft, der Schauspielerei. Und es sollte gleichzeitig der erste Schritt auf dem Weg zu einem Leben ohne Sprechschwäche sein.

Jetzt sitzt er vor dem Spiegel im zweiten Obergeschoss des Ruchsener Torturms in Möckmühl und lässt sich von Maskenbildnerin Jennifer Geyer das Gesicht abtupfen und pudern, die Lippen nachziehen. "Heute ist ausverkauft", stellt Mitspielerin Manuela Blau trocken fest. Für die Darsteller der Jagsttalbühne ist das natürlich eine gute Nachricht. Das Stück "Und ewig rauschen die Gelder" kommt an. In einer knappen halben Stunde schlüpft Uwe Buddenberg in die Rolle von Dr. Chapman, dem Eheberater. Keine Rolle mehr spielt das Stottern − weder hier noch im normalen Leben. Zumindest keine Hauptrolle.

Geheilt werden kann das Stottern nicht. Es gibt keine Pillen, um die Blockade zu überwinden − allenfalls gewisse Techniken. "Konzentration ist wichtig", sagt Uwe Buddenberg. Glück haben jene, die die Behinderung in der Pubertät verlieren. Das war bei ihm nicht der Fall. Allerdings teilt er mit vielen Stotterern das Schicksal, dass ein Erlebnis als Auslöser festgemacht werden kann.

Auslöser

Angst Buddenbergs Stottern begann, als er zwei war. Er selbst kann sich daran nicht erinnern. Seine Mutter umso genauer: Uwe sei zweieinviertel gewesen, als er wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus musste. Eine Woche, ohne Mama. "Zu der Zeit durften die Eltern ja noch nicht bei den Kindern bleiben", erinnert sich Elke Buddenberg. Gleich beim ersten Besuch habe sie ihn schluchzend am Fenster stehen sehen, barfuß. "Das habe ich der Schwester erzählt. Dann haben sie ihn festgeschnallt."

Mit viel Vorlesen ging die Woche dann vorbei, ohne dass sich der angerichtete Schaden bemerkbar machte. Erst einige Wochen später, als Elke Buddenberg mit ihrer Mutter darüber sprach, dass sie ins Krankenhaus gefahren werden sollte, bahnte sich das Trauma seinen Weg. "Er muss das auf sich bezogen haben, plötzlich war er total aufgeregt − da war es aus." Uwe Buddenberg stotterte.

Noch immer ist alles locker in der Garderobe der Jagsttalbühne. "Ich schau heute zu, ich will euch doch endlich einmal live sehen", sagt Erika Vogel, während sie Uwe Buddenberg die Haare gelt. Schon alles Routine? "Nein, das soll es nie werden, sonst höre ich auf", sagt der Amateurschauspieler. Jede Rolle fordere ihn heraus und solle ihm alles abverlangen. Als Therapieraum sieht Buddenberg die Bühne nicht. Dann zieht er sich zum grauen Anzug die roten Turnschuhe an, die Dr. Chapmans "Hang zum Kleiderfetischismus" unterstreichen sollen.

Im echten Leben ist Uwe Buddenberg heute wohl ähnlich selbstbewusst wie der Mann, dessen Rolle er an diesem Abend spielt. 1994 hatte er sogar eine Stelle im Außendienst einer Telekommunikationsfirma angetreten. Eigentlich untypisch für jemanden, der Probleme mit dem Sprechen hat. Doch die hatten sich zu der Zeit schon verbessert. Wenn man ihn fragt, welchen Anteil daran die Schauspielerei hat, sagt Uwe Buddenberg: 90 Prozent. Ratgeber, Selbsthilfegruppen, Therapien? Uwe Buddenberg schüttelt den Kopf. "Nö."

Spaß an der Sprache

Als "zurückhaltenden Jungen" beschreibt ihn seine Mutter rückblickend. "Aber wenn er seinen Punkt machen wollte, dann hat er ihn gemacht." In der Familie sei das Stottern kein Thema gewesen. "Wir haben ihm einfach immer Zeit gelassen", sagt Elke Buddenberg. "Und ich habe versucht, seine Freude an der Sprache zu erhalten." Als ihr Sohn beispielsweise die ersten "hässlichen Wörter" aus dem Kindergarten nach Hause brachte, habe sie versucht, andere Schimpfwörter zu erfinden. "Du kleinkarierter Regenschirm", fällt ihr ein.

Die einzige Erfahrung mit professioneller Hilfe waren die ersten zwei Grundschuljahre an der Gebrüder-Grimm-Schule in Heilbronn. Dort habe insbesondere eine Lehrerin namens Hannelore Heuser sein Selbstvertrauen ungemein gestärkt. "Aber am Stottern hat das nichts geändert", sagt Buddenberg. Immerhin nahm er sich die Hänseleien in der Schule aber nicht mehr so zu Herzen. Der 36-Jährige erinnert sich gar nicht mehr daran, seine Mutter umso mehr: "Dein Englischlehrer musste einigen Jungs ganz schön den Marsch blasen."

Hänger spielen in seinem Stück keine Rolle mehr

Ein anderer Lehrer von damals wartet jetzt mit Uwe Buddenberg hinter dem Ruchsener Tor auf den Beginn: Michael Dier stand schon beim ersten Auftritt bei der Jagsttalbühne 1991 mit seinem ehemaligen Schüler auf der Bühne, inzwischen ist er der Vereinsvorsitzende. "Heute bist du doch vom Stottern geheilt", sagt er zu seinem Ex-Schüler. Die Fortschritte hätten ihn jedenfalls erstaunt.

So gab es immer wieder Menschen, die an ihn glaubten. 1993 spielte Buddenberg seine erste Hauptrolle in Goldonis "Diener zweier Herren". Irgendwann habe er gesagt: "Ich kann das nicht", erinnert er sich. "Aber Brigitte Link, die Regisseurin, meinte nur: ,Du kannst das." Und es war ein Riesenerfolg."

Vorsagen gilt nicht

Beim freien Sprechen ist vom Stottern heute selten mehr zu hören als eine kurze Verzögerung. Die Woche zuvor ist Buddenberg zum ersten Mal in diesem Jahr während der Vorstellung hängen geblieben. "Ich glaube nicht, dass das die richtige A − dann war Schicht im Schacht", erinnert er sich. In so einem Moment kann man einem Stotterer nicht helfen. Vorsagen gilt nicht. Das wissen die Kollegen, auch wenn sie inzwischen teils schon vergessen haben, dass es diese Schwäche gibt. Buddenberg erklärt es: "Ich weiß den Text ja. Er kommt nur nicht raus." Dann konzentriere er sich, nehme gedanklich einen neuen Anlauf − und macht weiter. Das sei eben anders als bei dem von Schauspielern so gefürchteten Blackout, wenn gar nichts mehr geht.

Auch jetzt geht Uwe Buddenberg noch einmal seinen Text durch, um die notwendige Anspannung für den Auftritt zu bekommen. "Das ist wichtig für das Feuer und die Leidenschaft."

Draußen begrüßt Michael Dier das Publikum. Einige turbulente Szenen später kommt Dr. Chapman auf die Bühne, mit rotem Schal und roten Schuhen. Der Text fließt an diesem Abend, wie sonst auch: "Ich glaube nicht, dass das die richtige Atmosphäre für ein Familiengespräch ist."

23.08.2010