Forschung: Vortragsveranstaltung befasst sich mit Sprachstörung

Nicht nur die Psyche macht den Stotterer

Von unserem Mitarbeiter Adrian Hartschuh

Viele kennen es auf eigener Erfahrung: In Stresssituationen wird die Sprache schon mal holprig. Für die meisten Menschen gilt das aber eher für Ausnahmesituationen wie im Vorstellungsgespräch oder bei Prüfungen. Auch bei chronischem Stottern werden die Sprechstörungen meist als reine Unsicherheit interpretiert. "Sehr viele Menschen sehen Stottern als ein psychisches Problem, dabei sind die Ursachen deutlich komplexer", erklärt Jürgen Sandritter, Landesvorsitzender der "Stotterer-Selbsthilfe Baden-Württemberg". Zusammen mit der Sprachambulanz der PH Heidelberg organisierte der Selbsthilfeverein eine Vortragsveranstaltung mit dem Titel "Stottern beginnt im Kopf". Im Fokus stand an diesem Abend eine Frage, die vielen Eltern und Betroffenen auf dem Herzen liegt: Was kann man tun, wenn das Stottern täglicher Begleiter im Alltag ist?

Zumal die Gefahr an einen Scharlatan zu geraten recht hoch ist, wie der Neurologe Martin Sommer von der Bundesvereinigung der "Stotter-Selbsthilfe" warnt. "Die Betroffenen gucken in die Gelben Seiten, suchen nach Logopäden. Von denen haben fünf bis zehn Prozent Ahnung vom Stottern." Aus diesem Grund arbeitet die Bundesvereinigung an einem unabhängigen und neutralen Verzeichnis qualifizierter Therapeuten.

Neurologische Ursachen vermutet

Weitere Abhilfe könnten auch technische Hilfsmittel schaffen. Christian Glück, Professor für Sprachheilpädagogik, und Sprachtherapeutin Julia Prinzing-Unger untersuchten monatelang den Nutzen von tragbaren auditiven Rückmeldegeräten, kleinen Apparaten, welche optisch an Hörgeräte erinnern.

Die ersten Ergebnisse dieser bisher einzigartigen Studie belegen eine beeindruckende Wirkung. Die Forscher konnten feststellen, dass die zeitlich verzögerte, sowie frequenzverschobene Rückmeldung des eigenen Gesprochenen im Ohr der Probanden zu einer beeindruckenden Verbesserung des Sprachflusses führte. Allerdings konnten sie mit Kontrolltests ebenso zeigen, dass dies mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Placebo-Effekt zurückzuführen ist. So wichen die Ergebnisse nur wenig ab, wenn die 750 bis 4000 Euro teuren Geräte während der Tests "auf Null" standen. Glück zog dennoch ein positives Fazit: "Es wirkt - auch mit Placebo. Das ist das Wichtige für die Betroffenen."

Ging man früher hauptsächlich von seelischen Problemen aus, so vermutet man heute überwiegend neurologische Ursachen bei den Betroffenen. "Einiges spricht dafür, dass ein erheblicher Teil der Ursachen des Stotterns genetisch bedingt ist", stellt Martin Sommer, Experte für Neurologie am Universitätsklinikum Göttingen, fest. Dies scheinen unter anderem Studien aus der Zwillingsforschung zu belegen. So konnte man zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit zu stottern, bei eineiigen Zwillingen deutlich höher ist, wenn auch der Bruder oder die Schwester stottert.

Mannheimer Morgen
8. September 2010