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Camperdown (2013)

Neue Aspekte zu Fluency Shaping aus Australien

Im März 2013 veranstaltete die Stotterer-Selbsthilfe Baden-Württemberg mit der Referentin Christine Metten in Heidelberg ein Seminar "Einführung in das Camperdown-Programm". Betroffene, Studierende und Logopädinnen kamen von nah und fern, um einen Einblick in das in Sydney entwickelte Therapiekonzept zu gelangen. Etwas Skepsis herrschte im Vorfeld bei Betroffenen, ob wir in Deutschland einen neuen Fluency Shaping-Ansatz benötigen. Doch manchmal lohnt es sich, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Unter anderem die intensiv behandelten Aspekte Sprechnatürlichkeit und Doppelaufgaben regten spannende Diskussionen unter den Teilnehmern an. Es folgen drei individuelle Berichte aus Sicht eines Betroffenen, einer Studierenden und zweier Logopädinnen.

Markus Soika:
Das Camperdown-Programm ist eine auf "Fluency Shaping" basierende Stottertherapie mit der Besonderheit, dass die Sprechtechnik ohne weitere Erklärungen individuell "nachgeahmt" wird. Der Vorteil ist dabei, dass sich Betroffene besser mit der Sprechtechnik (mit dem "fremden" Sprechen) identifizieren können, da es keine feste Vorgabe gibt wie die Sprechtechnik anzuwenden ist. Als möglicher Nachteil kann genannt werden, dass ein Zielverhalten bei Stotterereignissen eventuell helfen könnte. Während der Therapie werden Sprechzyklen durchlaufen, die anhand einer vorgegebenen Skala nach Stotterschweregrad und Sprechnatürlichkeit beurteilt werden. Die Beurteilungen von Therapeut und Patient werden verglichen, um das Sprechen zu reflektieren und bewusst zu ändern (Balance zwischen Stotterschweregrad und Sprechnatürlichkeit). Das in Videos gezeigte Sprechmodell mit sehr starker Anwendung von Fluency Shaping klang sehr fremd und unnatürlich, es gab aber praktisch keine Blockaden und Stotterereignisse mehr. Dies ist gut um die Sprechtechnik in Reinform zu erlernen. Während des Seminars führten wir praktische Übungen mit Diktafon durch, um Fluency Shaping "live" zu erleben und um den Sprechzyklus anschließend besser beurteilen zu können. Wenn man das prolongierte Sprechen sehr gut beherrscht, bilden die Doppelaufgaben eine sehr interessante Variante, um das prolongierte Sprechen noch zu erschweren und um noch einen intensiveren Übungseffekt zu erhalten. Ein praktisches Beispiel ist es gleichzeitig prolongiert zu sprechen und mit dem Handy Wörter Wortgruppen zuzuordnen.
Die Referentin Frau Metten hat das Seminar sehr interessant gestaltet, umfangreich das Camperdown Programm vorgestellt und ist auf alle gestellten Fragen eingegangen. Durch den Austausch von Therapeuten, Studierenden und Betroffenen wurden Themen und Aspekte des Camperdown Programm von verschiedenen Standpunkten/Erfahrungen betrachtet. Das Seminar war gut organisiert, bereits im Vorfeld gab es umfangreiche Informationen. Die Heidelberger Jugendherberge war ein schöner Ort für die Veranstaltung.

Pauline Ezel:
"Camperdown", was ist das? Welche Erwartungen stelle ich an das Wochenende? Als Studierende der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, mit dem Schwerpunkt Sprachbehindertenpädagogik, habe ich zwar schon einiges über Stottern gehört, aber noch wenige praktische Erfahrungen und Möglichkeiten zur Anwendung verschiedener Therapien gehabt. Deshalb hatte ich auch keine speziellen Erwartungen oder Vorstellungen, was Camperdown genau beinhaltet. Neben den ausführlichen theoretischen Grundlagen, die uns an dem Wochenende vermittelt wurden, konnten wir durch praktische Übungen auch Einblicke in die konkrete Anwendung des Programms erhalten. Dieser Aspekt war aus studentischer Perspektive ein großer Gewinn, da wir im Studium zwar viel über die theoretischen Hintergründe und Studien zu verschiedenen Ansätzen lernen, aber selten die Möglichkeit haben etwas so praxisnah zu erlernen, Sprechtechniken zu üben und auszuprobieren. Dass das Camperdown-Programm nicht allzu starren Regeln unterliegt, sondern individuell angepasst werden kann, ist gerade im Rahmen der Sonderpädagogik ein interessanter Aspekt. Sehr spannend war es auf Teilnehmer mit verschiedensten Hintergründen zu treffen, Betroffene, Logopäden, Sprachheilpädagogen und Studierende. Durch die persönliche und entspannte Atmosphäre und die freundliche und offene Art der Darbietung der Inhalte durch Christine Metten, bestanden viele Möglichkeiten zum regen und bereichernden Austausch. Die Jugendherberge, die Rundumversorgung und die Sonne in den Mittagspausen haben einem fast das Gefühl vermittelt für einige Stunden im Urlaub zu sein - und das trotz einer intensiven Arbeit an den Inhalten des Therapieansatzes... Für mich als Studierende war dieses Seminarwochenende somit eine besondere Chance, die ich gerne wieder nutzen und auch an andere weiterempfehlen werde... - vielen Dank!

Figen Schultz-Ünsal und Eva Leyerer:
Studierende, Lehrende, praktisch tätige Logopädinnen und Betroffene besuchten am 2. und 3. März 2013 das Seminar "Camperdown-Programm" in Heideberg, um diesen Fluency Shaping Therapieansatz kennen zu lernen, der am "Australian Stuttering Research Centre" entwickelt wurde. Die Referentin Christine Metten (PhD, Diplom Logopädin) führte uns praxisnah, entspannt und kompetent durch das Programm.
Im Folgenden wollen wir das für Jugendliche und Erwachsene konzipierte Programm inhaltlich kurz darstellen:
Das Programm setzt sich aus vier Stufen zusammen, die systematisch aufeinander aufbauen.

Stufe 1: Das Erlernen der Therapiekomponenten
Hier werden zwei wichtige Skalen (1 bis 9) eingeführt: Stotterschweregradskala (SSG) und Sprechnatürlichkeitsskala (NAT). Diese werden in realen Sprechsituationen und an Hand von Audioaufnahmen sowohl von den Therapeuten als auch von den Betroffenen eingesetzt. Dabei sollte die Bewertung max. einen Punktwert auseinander liegen. Ist dies nicht der Fall, wird durch erneutes Anhören der Aufnahme darüber gesprochen, warum man diese Bewertung gegeben hat. Das Ziel ist die individuellen Kriterien zur Beurteilung der Stotterstärke und Sprechnatürlichkeit gegenseitig offenzulegen und zu reflektieren. Darüber hinaus lernten wir alle das prolongierte Sprechen (langsames gedehntes Sprechen mit weichen Stimm-, und Sprecheinsätzen, Atemstromkontrolle und reduzierten Kontakten der Artikulationsorgane) sicher anzuwenden. Der Unterschied zu den anderen Fluency Shaping Ansätzen ist, dass das Lernen der Sprechtechnik nur durch Beobachten und Nachahmen eines Sprechmodells geschieht. Das heißt, das spezifische Erlernen der einzelnen Merkmale wie z.B. weicher Stimmeinsätze fällt weg.

Stufe 2: Einsatz von stotterfreiem Sprechen in der Therapie
Man durchläuft mehrere Sprechzyklen, in denen das prolongierte Sprechen trainiert wird, um eine möglichst hohe Sprechnatürlichkeit zu erlangen. Auch wir haben diese durchlaufen und Erfahrungen mit prolongiertem Sprechen gemacht.

Stufe 3: Generalisierung
In dieser Stufe geht es in erster Linie um die Übertragung in verschiedene Alltagssituationen.

Stufe 4: Die Aufrechterhaltung des prolongierten Sprechens
Auf der letzten Stufe werden die Therapiesitzungen langsam abgebaut.
Wer kennt das nicht? Neu erlernte Techniken gelingen im Alltag doch nicht so gut wie gedacht. Um diese Gefahr zu verringern, erweiterte Frau Metten das Programm in ihrer Doktorarbeit mit sprachlichen Doppelaufgaben. Das heißt, während man die Sprechtechnik anwendet, muss man gleichzeitig eine sprachliche Entscheidungsaufgabe lösen: Während wir über den letzten Kinobesuch berichteten, lösten wir semantische Kategorisierungsaufgaben.

Es ist ein Programm zur Erlernung einer flüssigen Sprechweise im Alltag. Auf mögliche Sprechängste des Betroffenen wird in diesem Ansatz auch eingegangen und mit Aspekten aus der kognitiven Verhaltenstherapie ergänzt, um mögliche Sprechängste zu reduzieren.
Insgesamt haben wir als Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen umfassenden Einblick in das Programm gewonnen und wurden fit für die Praxis gemacht. Viele Übungen, die auch sehr erheiternd waren, insbesondere das Bewältigen der Doppelaufgaben, waren eine gute Ergänzung zu den theoretischen Grundlagen.

Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.

Die Bundesvereinigung (BVSS) ist der Interessenverbund stotternder Menschen in Deutschland und hat über 1200 Mitglieder. Alle Mitglieder mit Wohnsitz in Baden-Württemberg sind gleichzeitig Mitglied im Landesverband Stottern & Selbsthilfe Baden-Württemberg.

Selbsthilfegruppen in Baden-Württemberg

Die Selbsthilfegruppen sind keine eingetragenen Vereine. Der Landesverband bietet Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe die Möglichkeit andere Betroffene/Interessierte in Baden-Württemberg kennenzulernen. Wünsche zu den Angeboten der BVSS und des Landesverbandes werden häufig in den Selbsthilfegruppen diskutiert, während der jährlichen Mitgliederversammlung gesammelt und dann vom Vorstand umgesetzt oder an die BVSS weitergeleitet.

Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.

Die Bundesvereinigung (BVSS) ist der Interessenverbund stotternder Menschen in Deutschland und hat über 1200 Mitglieder. Alle Mitglieder mit Wohnsitz in Baden-Württemberg sind gleichzeitig Mitglied im Landesverband Stottern & Selbsthilfe Baden-Württemberg.

Selbsthilfegruppen in Baden-Württemberg

Die Selbsthilfegruppen sind keine eingetragenen Vereine. Der Landesverband bietet Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe die Möglichkeit andere Betroffene/Interessierte in Baden-Württemberg kennenzulernen. Wünsche zu den Angeboten der BVSS und des Landesverbandes werden häufig in den Selbsthilfegruppen diskutiert, während der jährlichen Mitgliederversammlung gesammelt und dann vom Vorstand umgesetzt oder an die BVSS weitergeleitet.